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Der Zaun von Dachau

Wie fühlt es sich an, ein stummer Zeuge der Geschichte zu sein? Im Geschichtsunterricht bei Frau Heilani ließ die Klasse 9b nach ihrem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau die Objekte vor Ort selbst zu Wort kommen. In inneren Monologen schlüpften sie in die Rolle von Exponaten: Was hat der Stacheldrahtzaun gesehen? Was „denken“ die Mauern über die Besucher von heute? Entstanden sind bewegende Texte, die aufrütteln.

Ich sperre tausende Menschen ein. Täglich wünschen sich die Häftlinge, aus dem Lager zu entfliehen, aber ich umzäune sie. Ich, der Zaun, gehöre zu dem großen „Schutzwall“, den die Nazis errichtet haben, damit niemand ausbrechen kann. Erst ein breiter Grünstreifen, dann ein Hochspannungszaun und dann ein mehrere Meter hoher Stacheldrahtzaun, dahinter ein weiterer Grünstreifen und ein kleiner Fluss. Zusätzlich noch nachts der freie Schießbefehl, um jeden, der diese „Schutzzone“ übertritt, abzuschießen. Der einzige Ausweg: Das große Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“, was nur dazu da ist, um den Häftlingen vorzumachen, dass sie hier noch lebend rauskommen. Diese Hoffnung haben sie aber schon ziemlich sicher verloren.

Jeden Morgen schleppen sich die dünnen Skelette auf den Appellplatz und stehen dort bis zum Umfallen, bei jedem Wetter. Danach werden sie durch das große Tor gezwungen, um „arbeiten“ zu gehen. Wenn sie Stunden später zurückkommen, sind es immer weniger als vorher und viele sehen schlimm zugerichtet aus. Abends gibt es wieder ein langes Appellstehen, oft schlimmer als morgens. Stundenlang stehen die Häftlinge bei Wind und Wetter, manchmal bis zum Morgengrauen, nur um dann wieder Appell stehen zu müssen. Es gibt einige Abgänge, so werden die Toten genannt. Sie werden akribisch gezählt und jeder Mensch – wenn man sie so noch nennen kann – wird mit einer Nummer aufgerufen, menschenverachtend und entwürdigend!

Aus dem Bunker höre ich die schlimmsten Rufe. Hier werden die Häftlinge geschlagen und gefoltert, bis sie ihre Geheimnisse erzählen. Manchmal werden sie zum Stehen verurteilt, tagelang und in völliger Dunkelheit. Essen gibt es nur alle paar Tage. Die Nazis nennen das Sonderhaft, ich finde, das ist der Todesbefehl. Wenn der Wind ungünstig steht, zieht der dunkle und stinkende Rauch des Krematoriums über mich und das Lager hinweg. Dort werden die Toten verbrannt und auch im Tod wird mit ihnen noch umgegangen wie mit schimmeligen Gegenständen, etwas, was keiner haben will. Ich verstehe das nicht, das sind doch Menschen. Sie haben ein genauso gutes Leben verdient wie alle anderen. Nur weil es den Nazis nicht in den Kram ihrer Ideologie passt. Die Vernichtung soll möglichst effizient funktionieren oder man soll den Willen der Menschen brechen, so wie ihre Knochen unter den Schlägen zerbrechen. Das funktioniert hier gut. Täglich sehe ich Häftlinge, die aus lauter Verzweiflung in den Hochspannungszaun springen. Für mich ist das jedes Mal ein Schreck. Ich weiß nicht, ob es für die Häftlinge auch ein Schreck ist oder schon Alltag. Sie haben schon so schlimme Dinge gesehen. Hier ist ein Ort des Grauens, die Hölle auf Erden.

Damit die Häftlinge irgendwas haben, damit sie gegen den ganzen Wahnsinn nicht sofort Widerstand leisten, dürfen sie ab und zu Fußball spielen. Das gibt ihnen ein klitzekleines Stück Normalität wieder und ich glaube, es ist für sie auch wichtig, im Team zu spielen. Was in den Baracken passiert, weiß ich nicht, ich kann es mir aber denken. Oft, jedes Mal wenn es den Nazis nicht passt, werfen sie ihre Sachen aus den Baracken in den Dreck davor und sie müssen sie wieder einräumen. Wenn es dann immer noch nicht passt, dann gibt es für alle Strafen. So wie es für alles Strafen gibt. In die kleinen Baracken quetschen sich bis zu 200 Häftlinge dicht an dicht. Ich glaube nicht, dass sie schlafen können, so wie sie morgens früh aussehen.

Irgendwann, nach gefühlt unendlich langer Zeit – eigentlich waren es „nur“ etwas länger als 6 Jahre – wird das Lager befreit. Was die Alliierten hier vorreffen, kann man sich nicht vorstellen. Die Todeskammern sind überfüllt mit tausenden Leichen. Die Männer in diesem Lager sind gebrochen und verzweifelnd.

Jetzt, einige Jahrzehnte nach dem schrecklichen Ereignis, was Holocaust genannt wird, kommen Besucher ins Lager. Viele würdigen den Ort und gedenken. Manche verhalten sich jedoch – das glaubt man kaum, man muss diesen Ort doch ernst nehmen! Teile von mir wurden abgerissen, eine Brücke direkt zum Krematorium gebaut. Das Lager wurde abgerissen und dann wieder nachgebaut. Vor mir bleiben immer wieder Menschengruppen stehen und gucken sich diesen „Schutzwall“ an und verstehen diesen Ort einfach nicht. Ich könnte das auch nicht, hätte ich nicht bei all dem schon hier gestanden und müsste das alles mit ansehen. Auf dem Appellplatz steht ein Denkmal, es heißt „Menschen im Zaun“. Es muss den „Alltag“ der Gefangenen wohl doch bewegt haben, dass sie die Menschen, die sich das Leben genommen haben und in den Zaun gesprungen sind, nochmal haben erbauen lassen und hier aufgestellt haben. Zumindest wird dieses Denkmal mit Schrecken gewürdigt. Es drückt gut aus, was damals geschehen ist und was keiner nochmal geschehen lassen möchte. Vor allem wenn jemand, so wie ich, alles gesehen und miterlebt hat. Das will keiner, nicht mal ein einfacher Zaun, der zum Mordinstrument der Verzweiflung wurde.

verfasst von Ella L. (9b)

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